Verein alleinerziehender Mütter und Väter - Landesverband NRW e.V.

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Patinnenmodell für Einelternfamilien mit behinderten Kindern (peb)

1999 – 2001, Essen und Ennepe-Ruhr-Kreis

Wie alles begann

In den Jahren 1992/93 begegneten dem VAMV auf Veranstaltungen viele engagierte Frauen mit behinderten Kindern, die die schlechten Rahmenbedingungen ihres Alltagslebens beschrieben. Die schwierige Lebenssituation von allein erziehenden Eltern mit behinderten Kindern wurde damals kaum öffentlich diskutiert und die Mütter hatten den Eindruck, dass ihre Probleme weder in der Familienselbsthilfe noch in der Gesundheitsselbsthilfe eine adäquate Resonanz fanden. Von 1994 bis 1996 erstellte der VAMV eine Bestandsaufnahme zur Lebenssituation alleinerziehender Mütter und Väter mit behinderten Kindern, die einen Handlungsbedarf deutlich machte und 1999 Grundlage für das Modellprojekt "Patinnenmodell für Einelternfamilien mit behinderten Kindern" war.

Das Modell stand unter der Prämisse: Die Mütter / Väter stützen, damit sie ihre Kinder stützen können!

Arbeitsschwerpunkte

  • Aufbau eines Beratungs- und Begleitsystems, das langfristig von Ehrenamtlichen als Patinnen – als soziales Netzwerk – getragen wird
  • Initiierung eines transparenten und bedarfsorientierten Hilfs- und Unterstützungsangebotes
  • Stadt/Land-Vergleich für eine landesweite Übertragbarkeit der Ergebnisse

Die praktische Umsetzung erfolgte durch:

  • Selbsthilfe-Arbeit: Aufbau von Selbsthilfegruppen, Qualifizierung, Gewinnung von ehrenamtlichen Patinnen
  • Thematische Recherchen, Bildung von Arbeitskreisen zu bestimmten Themen, Verschriftlichung der Ergebnisse
  • Präsentation des Projektes und der Ergebnisse, Fachtagungen, Politikgespräche

Ergebnisse:

  • Gründung von zwei Selbsthilfegruppen
  • Vermittlung von ehrenamtlichen Patinnen
  • Leitfaden „Diagnose – ein Wort und was nun?“
  • Informationsschrift: „Kinder in der Pflegeversicherung“
  • Projektbericht 1999-2001 „step-by-step“

Sowohl der Projektbericht „step by step“ als auch der Leitfaden und die Informationsschrift können auch gegen eine Gebühr für Porto und Versand in Höhe von 3 € (in Briefmarken) bestellt werden. Preise für die Abgabe größerer Mengen bitte telefonisch abfragen.

Fazit: Zielsetzungen und Ergebnisse

peb hatte sich das Ziel gesetzt, allein erziehenden Müttern und Vätern in Umbruchsituationen Hilfe und Unterstützung anzubieten, da ihnen besonders in Phasen des Umbruchs der Mangel an bedarfsgerechten Hilfsangeboten, fehlende Gesprächspartner sowie die Undurchsichtigkeit der institutionellen Stützsysteme deutlich werden.

Über 90 Alleinerziehende begleiteten die peb -Mitarbeiterinnen im Laufe der drei Modelljahre. Ihre Erfahrungen bestätigen die Nahtstellen-Theorie vom Prof. Adam: „Je komplexer und risikohafter sich die Lebensbedingungen gestalten, desto höher sind die Anforderungen, die in Übergangssituationen an den Einzelnen gestellt werden.“ Umbruchsituationen fordern von den Betroffenen eine Neustrukturierung ihrer Lebensplanung und sind gleichzeitig von Unsicherheit, Angst und einem hohen Informationsbedarf gekennzeichnet.

Feststellen lässt sich, dass die Beratung und Begleitung in Umbruchsituationen, d.h. das Entknoten des ‚Problembündels’, welches sich aus der Komplexität der Lebenssituation ergibt, nicht von ehrenamtlichen Patinnen geleistet werden kann. Das Projekt hat aber gezeigt, dass ehrenamtliche Patinnen sowohl bei der Initiierung und Begleitung von Selbsthilfegruppen als auch für die Betreuung der behinderten Kinder während der Gruppenzeiten und auch als Multiplikatorinnen im Sinne eines „gemeinsam zu gestaltenden sozialen Netzwerkes“ gewünscht sind.

Bei den strukturellen Veränderungen der Rahmenbedingungen sind die Kommunen, die Landesregierung und die Bundesregierung gefordert. Hier konnte peb nur Problemfelder skizzieren und Handlungsperspektiven aufzeigen:

Um allein Erziehende mit behinderten Kindern aus dem Spagat zwischen (- nicht gewollter -) Sozialhilfe und (- nicht möglicher -) Erwerbsarbeit zu nehmen, muss die Diskussion um Teilzeitausbildung und Teilzeitarbeitsplätze verstärkt geführt werden.
Auch die Kinderbetreuung, d.h. konkret: Angebote und finanzielle Hilfen für eine gesicherte Kinderbetreuung, müssen neu durchdacht und umgesetzt werden, vor allem für die Ferienzeiten, die nun einmal die Urlaubszeiten eines Arbeitnehmers überschreiten.

Ebenso müssen die vielfältigen Hilfs- und Unterstützungsangebote transparenter gemacht sowie Zuständigkeiten benannt werden. In der Diskussion um die Pflegeversicherung ist es dringend erforderlich, dass die behinderten Kinder in den Fokus genommen werden. Momentan ist die einseitige Sicht auf ältere behinderte und pflegebedürftige Menschen so dominant, dass viele Pflegeberatungsstellen über eine Einstufung von Kindern in die Pflegeversicherung keine Informationen besitzen und somit den betroffenen Eltern keine Hilfe geben können.

Selbsthilfegruppen

Bei der Initiierung von Selbsthilfegruppen waren die Hauptthemen:

  • Gruppenleitung
  • Qualifizierung in Ehrenamt und Selbsthilfe

Durch die Mehrfachbelastung der allein Erziehenden mit behinderten Kindern ist die Initiierung von Selbsthilfegruppen an sich sehr schwierig und bedarf einer längeren Vorlaufzeit. Hier müssen Vernetzungen stärker einsetzen, d.h. vorhandene Stellen wie KISS und Freiwilligenzentren etc. sollten bei dieser Klientel verstärkte Hilfestellung geben können (Stichwort: ehrenamtliche Patinnen zum Aufbau eines sozialen Netzwerks).

Obwohl die Gruppen durchaus fähig und bereit sind, sich selber als Team im Sinne der Selbsthilfe zu führen, ist eine begleitende Gruppenleitung für die erste Zeit notwendig.

Durch Qualifizierung in Ehrenamt und Selbsthilfe kann einerseits das Gruppenverständnis und auch die gemeinsame Fähigkeit, die Gruppe im Team zu leiten, erarbeitet und gestärkt werden. Andererseits ist eine derartige Qualifizierung ein „Bindeglied“ zwischen dem freiwilligen Engagement der Frauen und einer angestrebten Erwerbstätigkeit, da der Erwerb von Wissen und Schlüsselkompetenzen gerade auch für den 1. Arbeitsmarkt wichtig ist.

Zwei weitere wichtige Faktoren dürfen bei einer Qualifizierung in den peb-Gruppen nicht außer Acht gelassen werden: einmal ist eine Kinderbetreuung zu sichern, und zum anderen darf die Qualifizierung nicht zu weit vom Wohnort stattfinden, da die meisten der betroffenen Frauen kein Auto haben.

Weiterentwicklung des PatInnenmodells

Zu Beginn des Projektes erfolgte eine Definition des „Patinnenmodells“, in der vier unterschiedliche Formen der ehrenamtlichen Patenschaft benannt wurden:

  • Patin als Gruppenleitung - als „begleitende/beratende Patin“
  • Patin als Kinderbetreuung in den Gruppenzeiten - als „kinderbetreuende Patin“
  • Patin als Einzelpatin - als „betreuende Patin“
  • Patin als Multiplikatorin - als „inhaltliche Patin“

Im Laufe des Projekts wurde jedoch deutlich, dass eine solch starre Abgrenzung der einzelnen Patenschaften nicht sinnvoll ist. Darüber hinaus zeigte sich, dass „Patenschaften“ nicht unbedingt an „einzelnen Personen“ festgemacht wurden.

Das „Patinnenmodell“ ist dementsprechend nicht als Beratungs- und Begleitsystem zu definieren. Eine den Bedürfnissen der betroffenen Mütter entsprechende „Neu-Definition“, die während der Projektarbeit vorgenommen wurde, lautete: „Patinnenmodell“ als ehrenamtliches soziales Netz.

In diesem Sinne werden die Einzelpatinnen nicht nur als ehrenamtlich tätige Personen mit einem entsprechenden Handlungsauftrag und -spielraum gesehen. Die Mütter erweitern ihr privates soziales Netz mit diesen Menschen, die sich für ihre Lebenssituation mit dem behinderten Kind interessieren.

Es erfolgte eine Erweiterung des Blickwinkels im bürgerschaftlichen Engagement, der über die gängigen Definitionen von Ehrenamt und Selbsthilfe hinausweist. In der Diskussion um bürgerschaftliches Engagement, um Motivationen und Zeitressourcen etc. sollte unbedingt eine Annäherung und Verbindung mit den neueren Netzwerktheorien eingegangen werden. Bürgerschaftliches Engagement vorrangig aus dem Blickwinkel von „Nutzen“, sei es für den ehrenamtlich Tätigen selbst, sei es für die Organisation, in der er tätig ist, zu beleuchten, verkürzt die Diskussion wesentlich. In der heutigen säkularisierten Gesellschaft wird der Einbezug der unterschiedlichen sozialen Netzwerke, die zum Teil komplett wieder neu gesponnen werden müssen, immer dringender.

Qualifizierung in Ehrenamt und Selbsthilfe

Auch bei der Gruppenarbeit ergaben sich neue Impulse, die auf eine Erweiterung des Blickwinkels auf Ehrenamt und Selbsthilfe verweisen und die im Verlauf von peb umgesetzt wurden.

Die von den Teilnehmerinnen gewünschten und von einer peb -Mitarbeiterin durchgeführten Qualifizierungen wurden bei regelmäßiger Teilnahme zertifiziert, so dass sie über den Rahmen von Ehrenamt und Selbsthilfe für einen Ein-/ Wiedereinstieg in den Erwerbsarbeitsmarkt wichtig sein können.

Für peb stand hierbei im Vordergrund aufzuzeigen, dass auch bei einer Qualifizierung in Ehrenamt und Selbsthilfe das Lernniveau nicht aufgrund der Freiwilligkeit der Teilnahme auf einem „unteren Level“ stattfinden muss. Mit für dieses spezielle Klientel erarbeiteten Seminarunterlagen können Inhalte und Fragen im Ehrenamt genauso effektiv erarbeitet werden, wie das im Rahmen von hauptamtlichen Weiterbildungen geschieht.

Auch die Wahl der Qualifizierungsthemen sollte „tätigkeitsübergreifend“ sein. So wie der Erwerb von sozialen Schlüsselkompetenzen für Arbeitnehmer des ersten Arbeitsmarktes wichtig ist, ist der Erwerb von Fachkenntnissen aus dem ersten Arbeitsmarkt für in Ehrenamt und Selbsthilfe Aktive wichtig und sinnvoll.

„Themenfremdheit“ als Chance

Die von peb geleistete Vernetzungsarbeit stieß nach einer Anlaufphase auf großes Interesse. Von Vorteil hierbei war die „Themenfremdheit“, womit der verlagerte Fokus auf die „Alltagssituation der Frauen“ mit behinderten Kindern gemeint ist. Dadurch war die Möglichkeit gegeben, unterschiedliche Konzeptionen zu erläutern, mit eigenen Kompetenzen und Fachwissen zu unterstützen und mögliche Anknüpfungspunkte zu suchen, um den gemeinsamen Dialog über Problemfelder zu eröffnen und diese gemeinsam zu bearbeiten.

Da die Elternseite in diesem Dialog „institutionalisiert“ von peb auftrat, wurde recht schnell nach einer Phase der Motivationsarbeit konkret an diversen Themen gearbeitet. Durch diese gemeinsame Arbeit erfolgte ein „Aufbrechen von Sackgassen“, wie z.B.: die von den Eltern benannte fehlende Transparenz des Hilfs- und Unterstützungsangebots gegenüber Überlastung, Informationsmangel oder Zuständigkeitsirritationen der zuständigen Anlaufstellen und Behörden.

Die Besonderheit bei dieser Herangehensweise mit dem Vorteil der „Themenfremdheit“ lag in der „fachübergreifenden Betonung der Alltagsproblematik“ der betroffenen Mütter und Väter. peb brachte durch Akzentuierung alltagsbezogener Fragen und Setzung der Prioritäten, die in den Beratungsgesprächen mit allein Erziehenden ermittelt wurden, einen sogenannten „Mut zur Lücke“ auf, der in den Arbeitskreisen und Gesprächen von den fachkompetenten MitarbeiterInnen der unterschiedlichen Fachgebiete sehr positiv aufgenommen wurde. So konnte eine „unverkrampfte Beantwortung“ der von peb eruierten alltäglichen Fragen (z.B. während der Diagnose oder beim Thema Kinder in der Pflegeversicherung) erfolgen.

Durch die Verschriftlichung aller kooperativen Arbeitszusammenhänge und -ergebnisse wurde darüber hinaus auch deren Transfermöglichkeiten eingeleitet.

Anstoß von „individuellen Prozessen“ über peb hinaus

Durch die Weitergabe gezielter Informationen und das Aufzeigen der vorhandenen Infrastrukturen wurde einigen betroffenen Müttern die Möglichkeit aufgezeigt, „ihren eigenen Weg“ zu finden und zu gehen. Beispielhaft sei hier die Vermittlung einer Mutter in eine Teilzeit-Ausbildung („berufliche Weiterbildung als Teilzeitmaßnahme - nach § 154 AFRG) erwähnt.

Durch eine Verknüpfung dieses ersten Schrittes mit den oben genannten Qualifizierungsseminaren ergab sich für die Mutter eine Änderung in ihrer Lebenssituation, die über den Zeitraum von peb hinauswirken wird.
Neben der individuellen Stärkung auf die Durchsetzung ihrer Rechte (durch gezielte Informationen) erfolgte eine Änderung des Familiensystems - als „berufstätige“ Mutter eines behinderten Kindes und durch die in absehbarer Zeit einsetzende Eigenfinanzierung des Haushalts durch Erwerbsarbeit.

Der Anstoß und eine erste Begleitung dieses „individuellen Prozesses“ trägt bei der speziellen Zielgruppe von allein Erziehenden mit behinderten Kindern einen zukunftsweisenden-innovativen Zug in sich, da die prozesshafte Weiterentwicklung auch nach Beendigung des Projektes fortdauern wird.

Die Förderer des Modellprojektes:

  • Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit NRW
  • Ministerium für Arbeit und Soziales, Qualifikation und Technologie NRW
  • Stiftung Wohlfahrtspflege des Landes NRW
  • Friedrich-Alfred-Krupp-Stiftung Essen sowie für das Projektmanagement
  • die RWE Jugendstiftung gGmbH
  • die Gemeinnützigen Stiftung für kompetente Elternschaft und Mediation, Mülheim
  • private Sponsoren