Verein alleinerziehender Mütter und Väter - Landesverband NRW e.V.

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Bestandsaufnahme 1995/96: Lebenssituation Alleinerziehender mit behinderten Kindern

Alleinerziehende mit behinderten Kindern sind großen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt. So müssen sie den Verlust ihres Partners/ihrer Partnerin verarbeiten und beide Elternrollen vereinen. Erleben, ohne partnerschaftlichen Rückhalt, die gesellschaftliche Ausgrenzung und Stigmatisierung, die Eltern mit behinderten Kindern entgegenschlägt. Sie müssen die Lebensperspektive des Kindes ohne einen partnerschaftlichen Austausch planen und gestalten sowie die Bedürfnisse des behinderten Kindes und möglicher Geschwisterkinder miteinander vereinbaren.

Dies ist nur ein spotartiger Zusammenschnitt der Belastungsfaktoren, die wir im Rahmen einer Bestandsaufnahme der Lebenssituation Alleinerziehender mit behinderten Kindern in den Jahren 1995/96 herausarbeiteten.

Deutlich wurde damals auch, dass nicht die Behinderung des Kindes das Problem der Eltern ist. Viel stärker belastet fühlen sich die Alleinerziehenden durch die alleinige Verantwortung bei schwierigen Entscheidungen z.B. im medizinischen Bereich, durch finanzielle Sorgen, zeitaufwendige Behördenkontakte sowie durch die „Rund um die Uhr“- Betreuung. Über die Jahre fühlen sie sich ausgelaugt und als Mutter funktionalisiert.

Im folgenden beschreiben wir die Lebenssituation aus dem Blickwinkel der Mutter-Kind-Familie, da in unseren Projekten ausschließlich Frauen mitgewirkt haben.

Wie sieht die veränderte Situation für das Kind aus?

  • Es muss den Verlust eines Elternteils verarbeiten und gleichzeitig feststellen, dass der andere Elternteil aufgrund eigener Probleme nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung steht. Der emotionale Halt, den der „Fels Mutter“ bisher bot, gerät ins Wanken.
  • Seine innere und äußere Ordnung löst sich auf. Steht z.B. ein Wohnortwechsel an, folgen weitere Beziehungsabbrüche im Familien- und Freundeskreis.
  • Zu den emotionalen Belastungen kommt die äußerst schwierige finanzielle Situation. Für Mütter mit behinderten Kindern ist eine Berufstätigkeit parallel zur Familienarbeit nur selten möglich.

Für das behinderte Kind bedeuten die immer knapper werdenden Ressourcen zusätzliche Einschränkungen:

  • alternative Therapieformen und damit Förderchancen können gar nicht oder nur reduziert in Anspruch genommen werden
  • notwendige Sonderspielsachen und -geräte lassen sich nicht mehr finanzieren
  • Freizeit- sowie Urlaubsangebote können nur noch begrenzt wahrgenommen werden
  • Die Folgen sind Entwicklungsrückschritte und damit eine erhöhte Abhängigkeit der Kinder von Pflegepersonen und -einrichtungen oder gar die Notwendigkeit einer stationären Betreuung.

Wie sieht die veränderte Alltagssituation für die Frau aus?

Sie ...

  • trägt die alleinige Verantwortung für ihr Kind
  • muss die Integration des Kindes aktiv fördern und seine Lebensperspektive planen und gestalten
  • muss den Verlust ihres Partners verarbeiten und beide Elternrollen vereinen
  • ist Interessensvertretung gegenüber Ämtern und Behörden
  • muss die Bedürfnisse des behinderten Kindes und möglicher Geschwisterkinder vereinbaren
  • erlebt, ohne partnerschaftlichen Rückhalt, die gesellschaftliche Ausgrenzung und Stigmatisierung

Ergebnis dieser Belastungsfaktoren ist ihr emotionaler Rückzug und damit verbunden eine weitere gesellschaftliche Isolation. Durch die rund-um-die-Uhr-Betreuung wird die Substanz, von der die Mutter zehrt, mit den Jahren immer geringer. Die Folgen sind physische Erkrankungen und eine Vielzahl psychosomatischer Störungen wie z.B. Schlafstörungen, Haarausfall, Herzrhythmusstörungen, Magen-Darm-Erkrankungen, Migräneanfallen etc. (VAMV Alleinerziehende Mütter und Väter mit behinderten Kindern, Januar 1997, S. 17 ff). Damit entstehen für die Frau weitere Hürden in der Bewältigung ihres Alltags.

Ein schlechter gesundheitlicher Zustand der Mutter bedeutet, dass die Förderung und Pflege des behinderten Kindes stark beeinträchtigt, unter Umständen sogar blockiert wird. Letzter Ausweg wird schließlich dann nur noch in der zeitweisen bzw. dauerhaften Unterbringung des Kindes außerhalb des Elternhauses gesehen.

Umbruchsituationen/Nahtstellen

In vielen Gesprächen mit betroffenen Müttern, die wir im Rahmen unserer Bestandsaufnahme durchführten, hat sich gezeigt, wie engagiert die Mütter für die Interessen ihrer Kinder kämpfen. Es wurde aber auch deutlich, wie zerbrechlich und „störanfällig“ dieses System langfristig ist.

Besonders in Phasen des Umbruchs wird ihnen der Mangel an bedarfsgerechten Hilfsangeboten, der fehlende Gesprächspartner sowie die Undurchsichtigkeit der institutionellen Stützsysteme deutlich.

Umbruchsituationen oder auch „Nahtstellen“ sind Übergänge von einer Lebensphase in eine andere. Prof. Adam: „Je komplexer und risikohafter sich die Lebensbedingungen gestalten, desto höher sind die Anforderungen, die in Übergangssituationen an den einzelnen gestellt werden“ (MAGS, Behinderte in NRW, S. 37). Sie fordern von den Betroffenen eine Neustrukturierung ihrer Lebensplanung und sind gleichzeitig von Unsicherheit, Angst und einem hohen Informationsbedarf gekennzeichnet.

Nahtstellen im Leben alleinerziehender Mütter, die unmittelbar auf die Entwicklung des Kindes Einfluss nehmen, entstehen z.B.:

  • bei der Diagnose der Behinderung bzw. Entwicklungsverzögerung des Kindes, da die eigene Zukunftsplanung unter Berücksichtigung einer permanenten Elternschaft neu entwickelt werden muss
  • beim Übergang von der ausschließlich familiären Erziehung in öffentliche Betreuungseinrichtungen - Integration oder sonderpädagogische Einrichtungen
  • nach der Trennung vom Partner und der Übernahme der alleinige Verantwortung für das Kind (pflegende und administrative Aufgaben)
  • bei dem Aufbau einer neuer Paarbeziehung bzw. Patchworkfamilie - Neudefinition der Rollen aller am Familiensystem Beteiligten
  • während des (Wieder-) Einstiegs in den Beruf
  • bei der Trennung vom Kind, z.B. durch eine Heimunterbringung - Rollenveränderung: von der Hauptverantwortlichen zur Begleiterin
  • bei der Planung einer Rückführung des Kindes in den elterlichen Haushalt

Das PatInnenmodell

Um ihre Kinder fördern und stützen zu können, müssen die Mütter gestützt werden. Im Rahmen des Modellprojektes „patinnenmodell für einelternfamilien mit behinderten kindern“ (peb) sollte ein verbessertes Hilfs- und Unterstützungsangebot für alleinerziehende Eltern einer stationären Unterbringung der Kinder entgegengewirkt werden. Nur gut informierte und in ihrer Entscheidungsfindung sichere Eltern können ihren Kindern den notwendigen verlässlichen Rahmen bieten, den sie für ihre weitere positive Entwicklung benötigen.

Seit Beendigung des Modellprojektes peb bearbeiten wir das Thema „Eltern mit behinderten Kindern“ im Rahmen unserer (begrenzten) personellen Ressourcen. Mitglieder profitieren von unserem Wissen, in dem wir für sie aktuelle Informationen in unserer Mitgliederzeitung kompakt veröffentlichen.